Dienstag, 27. Juni 2017

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Chronik - Teil 1 PDF Drucken E-Mail

Neithard Bethke ist am 1. April 2006
seit 50 Jahren festangestellter Kirchenmusiker
Eine kleine Bildchronik in Stichworten
(aus den "Ratzeburger Dommusiken 2006/2007)
von Neithard Bethke

Prolog:

„Door is keen Musik nich! Door is keen Musik nich! Uns’ Orgelspeeler is eenfach wegbleeven! Du schallst forts röverkaamen!“

Nein, es war kein Aprilscherz, wie man mutmaßen könnte, als am Ostersonntag, den 1. April 1956, kaum, dass die den Gottesdienst einläutenden Osterglocken verstummt waren, urplötzlich der Küster Wilhelm Steltzner unserer Wöhrdener St. Nicolai-Heimatkirche in Dithmarschen atemlos in das Pastorat gestürzt kam, wo wir Kinder noch am festlich dekorierten Frühstückstisch saßen, derweilen die Eltern schon in den Gottesdienst gegangen waren. Es war zudem ein Tag vor meinem 14. Geburtstag, an dem ich ganz offiziell im Ostermontagsgottesdienst als „wohlbestallter“ Kirchenmusiker in Wöhrden eingeführt werden sollte. Der Abschiedsgottesdienst für den bisherigen altverdienten Lehrer-Organisten Wilhelm Schettiger war auf den festlichen Ostersonntag gelegt worden. Aber der war einfach nicht gekommen, weil, wie sich später herausstellte, er nicht mehr die Nerven und den Mut aufbrachte, zu seinem Abschied zu erscheinen. Vielmehr stand er geduckt hinter der Gardine im nahen Schulhaus und spähte hinter dieser Sichtblende neugierig hervor, was sich jetzt wohl vor der Kirche abspielen würde.

Mein Vater, Pastor an der Kirche, schickte augenblicklich nach mir, während meine Mutter oben auf der Empore als langjährige Chorleiterin des Wöhrdener Kirchenchores die Wartezeit bis zu meinem erhofften Eintreffen überbrückte, und mit ihren (ziemlich alten) Sängerinnen, die, da zumeist Kriegsflüchtlinge, selbst beim Singen ihre heimische schlesische und ostpreußische Mundart nicht ablegen konnten, schnell den pietistischen Ostergesang anstimmten, den sie seit Weihnachten eingeübt hatten: „Ostern, Ostern, Frühlingswehen, Ostern, Ostern, Auferstehen…“ . Eigentlich war dieses Chorlied unmittelbar nach der Predigt geplant, die mein Vater allwöchentlich mit den Worten zu beschließen pflegte – und damit auch das warnende Signal für den Organisten gebend, dass er, falls notwendig, dringend aufwachen müsste – : „…So lasst uns denn dieses Wort mitnehmen hinaus in den grauen Alltag, auf dass es uns erleuchte und stärke auf unserem weiteren Lebenswege. Amen!“

So hatten nun die Gottesdienstbesucher – links die Frauen, rechts die Männer, ganz vorne die Konfirmanden (zum leichteren Beaufsichtigen und notfalls notwendig werdendem Züchtigen durch die amtierende Obrigkeit), dann die Einheimischen und ganz hinten die Flüchtlinge – das musikalisch zweifelhafte, aber herzensgut gemeinte Vergnügen, heute zweimal diese Ostermotette zu verinnerlichen. (Ich habe sie übrigens thematisch in meinem opus 57 wiederbelebt!).

„Door is keen Musik nich! Door is keen Musik nich! Uns’ Orgelspeeler is eenfach wegbleeven! Du schallst forts röverkaamen!“

Bereits im Alter von 7 Jahren spielte Neithard im Kindergottesdienst die OrgelDas war nun kein Problem für mich damals. Am Klavier hatte ich gesessen, seit ich krabbeln konnte, das Harmonium, welches zum Klingen nur durch gleichzeitiges Lufttreten zu bringen war, kam im sechsten Lebensjahr dazu, die alte im Wöhrdener Gebrauch befindliche Stoltenbergsche Liturgie von 1892 kannte ich der Melodie nach vorwärts und rückwärts, den Sinn von ihr weniger, an der Kirchenorgel suchte ich mich ohne lange Anleitung in Farbregistern und Manualen und dem interessanten elektrischen Schaltschützschalter seit dem siebenten Lebensjahr selbst zurecht. Und oft genug hatten wir Pastorenkinder in der Nachkriegszeit die Bälge für die Orgelwindversorgung treten müssen, weil die Stromversorgung zusammengebrochen war, auch daher kannten wir die gottesdienstlichen Abläufe ganz genau. Im gleichen Lebensjahr spielte ich vertretungsmäßig die ersten Kindergottesdienste, die Choräle frei nach Gehör und die Harmonisierung eben so frei ohne jede Notenkenntnisse, so, wie ich es immer von dem Dorfschullehrer in den Gottesdiensten gehört hatte (samt seiner fest einstudierten und über Jahrzehnte gepflegten Fehler, wie ich erst viel später merkte). Mit neun Jahren saß ich zum ersten Mal in einem Hauptgottesdienst an der Orgel. Die Freude am gottesdienstlichen Orgelspiel ist mir von diesem ersten Mal unverändert bis heute geblieben.

Dann bekam ich den ersten Klavierunterricht von meiner Mutter, einer professionellen Klavierpädagogin, es folgten – stets sehr kurzzeitig – Klavier- und später auch Orgelunterricht bei Organisten aus der näheren Umgebung, der aber stets in den Anfängen versandete, weil ich nicht ernsthaft zum Üben Grund sah, denn ohne Noten improvisierte und fantasierte sich es für mich auf Orgel und Klavier und Harmonium viel müheloser und vor allem effektvoller. So anerkannt effektvoll, dass der NWDR, der damalige Nordwestdeutsche Rundfunk, eines Tages – ich war damals erst elf Jahre alt – mit einem Aufnahmewagen vor der Wöhrdener Kirchentür stand, und ich an der Anthonius-Wilde-Orgel von 1593, die damals noch nicht restauriert war, meine erste Rundfunkorgelaufnahme einspielen durfte, der in meinem Leben noch etliche folgen sollten. Das Tonband ist noch vorhanden

Als Konfirmand hilft er beim OrgelbauDas von mir dann als Noch-Dreizehnjähriger gespielte jubelnde „Christ ist erstanden – Christus resurrexit hodie“ dieses turbulent beginnenden Ostergottesdienstes hat mich bis heute das ganze Leben über begleitet und nicht von ungefähr auch viele Kompositionen von mir ausgelöst. Turbulent auch bis in die heutigen Tage blieb es über die ganze Zeit als Kirchenmusiker. Der Anfang, bei dem ich sozusagen ohne Vorwarnung ins Wasser geworfen wurde und einfach zu schwimmen und den Kopf  über die stürmischen Wellen zu halten hatte, ist symptomatisch für meine gesamte Dienstzeit geworden, vor allem, weil ich nie zufrieden war, „Dienst nach Vorschrift“ zu machen, sondern stets wagemutig unausgetretene neue Pfade beging, deren Ende viele nicht absehen konnten, ich selber aber immer unbeirrt ein ganz klares Ziel vor Augen hatte – und bis heute hin habe.

Anthonius-Wilde-Orgel von 1593 in der St. Nicolai-Kirche zu Wöhrden/DithmarschenDie Restaurierung der Wöhrdener alten Orgel durch die Lübecker Orgelbaufirma Kemper nutzte ich zur intensiven Ausbildung im Orgelbau. Es war der die Letztintonation vornehmende legendäre Orgelbaumeister Heinrich Krause aus Hamburg, der mir nicht nur mit dem weitgehend selbstständigen Bau des neuen Rückpositivs eine Gesellenprüfung im Orgelbau testierte, sondern er ist es gewesen, der mir ganz entscheidend die Augen öffnete und mich zwang, Orgelspielen nach Noten zu lernen, weil es einfach mit dem Hinphantasieren in der Zukunft nicht genügen konnte, sobald man einmal den Kopf über den Dorfrand von Wöhrden heben würde. Er schenkte mir meine ersten Orgelnoten: zwei gebrauchte Orgelbände von Bach in der Ausgabe von Naumann, die – inzwischen sorgsam eingebunden – noch heute in meinem Notenschrank stehen, und er übte mit mir nachts nach getaner Arbeit an der Register für Register immer vollständiger werdenden Orgel unerbittlich das erste Orgelstück nach Noten ein: Bachs großes Praeludium und Fuge G-Dur. Ich spielte es zur Orgeleinweihung im morgendlichen Festgottesdienst. Stolz nahm ich die grenzenlose Bewunderung von dem von mir sehr verehrten Orgelbausachverständigen Helmut Schröder aus Pinneberg auf, als er am Nachmittag mit seinem Kammerchor zu einem festlichen Einweihungskonzert kam, und er von dieser meiner musikalischen Tat erfuhr. Er hat mich von da an entscheidend in meiner musikalischen Entwicklung begleitet und gefördert. Ein fast 50-jährig währender Bogen ist übrigens noch in anderer Hinsicht an dieses Ereignis geknüpft: In diesem Chor sang damals auch Helmut Schröders hübsche Tochter Uschi mit, die sich wohl infolge dieses unvergesslichen musikalischen Abends noch mit ihrem ebenfalls im Chor singenden Freund Ernst du Maire verlobte. Beide singen seit Jahren und noch bis heute gut und gerne in meinem Ratzeburger Domchor mit und kennen also die „ganze Story“ auch aus eigenem Blickwinkel.

Der Bethke-Familien-Posaunenchor in WöhrdenHier möchte ich etwas für mich persönlich Wichtiges einflechten dürfen: Es gibt noch eine Person, die von dieser Orgelweihe im Jahre 1960 in Wöhrden an fast ganz lückenlos mein musikalisches Leben bis heute hin eng und freundschaftlich begleitet hat, und der das meiste, was in diesem kleinen Aufsatz beleuchtet wurde, aus eigenem Miterleben bezeugen könnte: Das ist mein ältester Freund Dr. Michael Ramelow aus Hamburg. Freundschaft bemisst man nicht ausschließlich nach Intensität, sondern auch nach Dauer. Diese unsere Freundschaft hat bisher 46 Jahre unverbrüchlich gehalten, durch alle Höhen hinweg, durch alle Tiefen hindurch, die jedermanns Leben und somit auch unser beides ausmachen. Es ist ein tiefes gegenseitiges Verständnis für das Denken und Tun des Anderen gewachsen. Dafür bin ich dankbar. Die musikalische Entwicklung von mir wurde von Michael schon 1960 prognostiziert, und ich freue mich, dass ich ihn offenbar nicht enttäuscht habe. Selbstverständlich wird er in dem Jubiläumskonzert in Wöhrden anwesend sein, da an dem Ort, wo unsere Freundschaft mit Musik begann und sich stets an unserer beider Musikliebe entzündet und von ihr genährt hat.

Nach der C-Prüfung 1962Bald übernahm ich von meiner Mutter den Kirchenchor, den ich schnell mit dem von mir gegründeten „Büsumer Jugendchor“, zwölf jungen Sänger aus meinem Gymnasium, verstärkte und verjüngte. Das erste Stück, welches ich mühsam und ohne jede Erfahrung in Chorleitung einstudierte, ich erinnere mich genau, war die Motette „Cantate Domino“ von Dietrich Buxtehude. Mit meinen Geschwistern, die noch im Hause waren, bildeten wir als Bläsersextett einen schönen familieneigenen Posaunenchor. So sammelte ich auch dort erste Ensemble-Erfahrungen, die ich erweitern und verfestigen konnte, indem ich in Dithmarschen „aus dem platten Land heraus“ zum Erstaunen aller ein eigenes 25-köpfiges Streichorchester gründete und sammelte, und es bis zu meinem Weggang von Wöhrden im Jahr 1967 leitete, übrigens nach zwei spektakulären oratorischen Aufführungen mit dem Wöhrdener Kirchenchor von etwa 80 (!) Wöhrdener und Dithmarscher Sängern, dem „Messias“ (1965) und dem „Weihnachtsoratorium“ (1966) leitete. Übrigens war der Chordirigent des Norddeutschen Rundfunks aus Hamburg, der legendäre Max Thurn, Hörer dieser „Messias“-Aufführung. Er äußerte damals – und dieses auch schriftlich und öffentlich: „Von diesem hochtalentierten und begabten jungen Dirgenten wird man in Zukunft noch oft sprechen müssen und ganz Großes erwarten dürfen!“

zur Chronik Teil 2

 

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