Donnerstag, 19. Oktober 2017

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Chronik - Teil 3 PDF Drucken E-Mail

Mit bereits 30 Jahren wurde ich – nicht zuletzt wegen der außergewöhnlichen Erfolge in der „musikalischen Verbrüderung von Ost und West“ – von der mecklenburgischen Landeskirche zum Kirchenmusikdirektor ernannt, dem mit weiten Abstand jüngsten in Deutschland übrigens. Nachdem ich nicht nur meinen Pilotenschein gemacht hatte, um schneller zu meinen Konzertorten in Europa fliegen zu können, sondern auch noch nachträglich das Abitur abgelegt hatte, studierte ich neben der Ausübung aller skizzierten musikalischen Tätigkeiten in einem zeitaufwändigen und anstrengenden Zweitstudium an der Kieler Christian-Albrechts-Universität Theologie, Geschichte und Musikwissenschaft und schloss dieses Studium später mit Promotion ab.

Meine im Studium nicht zuletzt durch meine wohl außergewöhnlichen Leistungen immer mehr und persönlicher wachsende Freundschaft mit dem Professor Dr. Karl-Dietrich Erdmann, der nicht nur ein Freund von Adenauer gewesen war, sondern auch von dem damals amtierenden Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, brachte es mit sich, dass ich ebenfalls zu von Weizsäcker einen hervorragenden persönlichen Kontakt aufbauen konnte. Mehrmals war ich bei ihm in Bonn und in Berlin zu Gast. Er revanchierte sich mit einem „privaten“ Besuch im Ratzeburger Dom, bei dem ich ihm und seiner Frau eine Stunde lang die Domorgel in einem festlichen Sonder-Konzert vorstellen konnte. Immer wieder hat von Weizsäcker sich über die Erlebnisse insbesondere meiner osteuropäischen Kulturaktivitäten erzählen lassen.

Konzert in Hongkong 1985An ähnlichen und vergleichbaren Begegnungen mit hohen Persönlichkeiten aus aller Welt mangelt es in meinem Künstlerleben nicht. Aber sie hier alle aufzuzeigen, sprengt den Rahmen und den Sinn dieser kleinen bebilderten Rückschau. Doch nur einmal andeuten möchte ich, welche bewegende Begegnung mir vergönnt war auf einem meiner sechs China-Konzertreisen, als ich zwischen Nanking und Kanton unvermutet – durch einen Busunfall verursacht – die Bekanntschaft der letzten Überlebenden aus der chinesischen kaiserlichen Li-Dynastie machte. Jahrzehntelang habe ich engen, sehr menschlichen bewegenden Kontakt insbesondere zu Li Weih Ying gehabt, die der hochgeistige Mittelpunkt einer außergewöhnlichen gebildeten aristokratischen Familie war. Leider ging der Kontakt (aus politischen Gründen?) verloren.

Neue Orgeln im Dom entstanden in den Jahren 1972, 1978 und 1985. Konzertreisen des Domchores in viele Länder Europas unterstrichen den guten Ruf der Ratzeburger Dommusiken auch außerhalb der Inselstadt. Enge persönliche Freundschaften wuchsen zu Kollegen. Die meisten bestehen bis heute oder wurden nur durch den Tod zerschnitten. Die hohe Risikobereitschaft und brennendes Interesse für die Neue Musik von mir eruierte, dass viele Ur- und deutsche Erstaufführungen zeitgenössischer Kompositionen am Dom ein hiesiges Markenzeichen wurden. Das komplizierte, aber wunderbare halbstündige zwölftönige Orgelwerk über „Nun bitten wir den heil’gen Geist“ – im doppelten Krebs und Spiegel – meines Freundes und Lehrers Prof. Ernst-Gernot KlußmannDas Deutsche Bachorchester spielt Bachs "Musikalisches Opfer" aus Hamburg erfuhr durch mich in Ratzeburg, Kassel und Frankfurt die allerersten Aufführungen. Auch Klußmanns symphonisches Orgelkonzert für Orgel und Orchester spielten wir im Dom vor ausverkauften Plätzen. Der sich selbst als Atheist einstufende Ernst-Gernot Klußmann starb kurz nach der Uraufführung der „Heiligen-Geist-Orgelmusik“ mit der bei meinem letzten Krankenbesuch aus meinem Konfirmationsgesangbuch für ihn herausgerissenen Seite des Chorals „Nun bitten wir den heil’gen Geist“ in seiner verkrampften Faust. Unvergeßlich sicher für alle Beteiligten und alle Hörer die Aufführungen der oratorischen, aufwendigen „Apokalypse“ des Hamburger Komponisten Rudolf von Oertzen in Ratzeburg und einige Zeit später – Mit Bischof Dr. Hermann Kunstvor hoher politischer und kultureller Prominenz – in Bonn, wo mein enger und geliebter guter Freund Bischof Dr. Hermann Kunst, der so außerordentlich viel für die Ratzeburger Dommusiken getan hat und ohne den die große Domorgel nicht stehen würde, gleichzeitig Einladender wie auch hochgerühmter Ehrengast war. Ich weiß, dass gerade dieser Bonn-Besuch des Chores für einige Chormitglieder von höchster Bedeutung geworden ist.

Doch auch der Alten Musik widmete ich mich intensiv, denn seit 1981 konnte ich als neu berufener Chef des Deutschen Bachorchesters dieses Spitzenensemble auch zu vielen Aufführungen an den Dom holen. Heute (im Juli 2006) bin ich in Deutschland mit 25-jähriger Dienstzeit der am längsten einem einzigen Musik-Ensemble vorstehende und dienende musikalische Chef.

Und während in meiner Hausorgel Zwerghühner unbeeindruckt vom Orgelüben ihre Jungen in einem Nest ausbrüteten, liefen über 38 Jahre permanent in den Sommerwochen die Sommerakademien, zu denen Studenten aus der ganzen Welt zusammenkamen. Außer Schülern aus vielen Nelia Fonsaca aus Chile bei der Sommerakademie in Ratzeburgeuropäischen Ländern kamen Studenten zu mir als Orgelschüler aus Singapur, China, Australien, Chile, Russland und Island. Meisterkurse in Dirigieren, für Kammermusik, Gesang, Orgel- und Ensemblespielen wechselten einander ab. In manchen Sommerwochen klangen über den ganzen Domhof die Geigen, Flöten und Gesangsstimmen aus jedem zweiten Fenster. Die „Wassermusik“ von Georg Friedrich Händel, aufgeführt auf vom Bundesgrenzschutz aufgebauten Pontons oder auf den Fahrgastschiffen inmitten der Ratzeburger Seen gehörten zum festen Bestandteil der Dommusiken. Bis zu 3.500 Hörer wurden manchmal bei diesen volkstümlichen Veranstaltungen gezählt, die sich am Ufer und auf unzähligen Booten einfanden.Juliette beim Brüten in der Hausorgel

Unter der Ägide des legendären Intendanten Professor Dr. Franz Willnauer, der mit wunderbarer Einfühlsamkeit uns Ratzeburgern am Dom – und Uwe Steffen und mir insbesondere – zu einem echten und beständigen Freund wurde, war die regelmäßige Teilnahme des Ratzeburger Domchores mit spektakulären oratorischen Aufführungen im Schleswig-Holstein-Musik-Festival eine wunderbare und an musikalischen Höhepunkten reiche Glanzzeit. Die von uns in Eigeninitiative und mit eigenen Vorstellungen eingebrachten und in der Intendanz auch gerne akzeptierten Programme gehörten ganz zweifelsohne zu den Spitzenkonzerten des Schleswig-Holstein-Musik-Festivals und haben uns gegenseitig zur Ehre gereicht. Ich erinnere mich an eine kleine bezeichnende Begebenheit: Prof. Dr. Franz Willnauer, Uwe Steffen und ich saßen in einem Waldrestaurant in Ratzeburg zu einem guten Essen, interessanten Gesprächen und noch hervorragenderem Wein zusammen. Letztem hatten wir reichlich und lange zugesprochen. Um ein Uhr nachts schlug ich vor, im Dom ein kleines Privatorgelkonzert zu geben. Während der Uwe und der Franz im Chorgeviert Platz nahmen, schlich ich durch die fast dunkle Kirche und  spielte, so gut es die Finger nach den etlichen Flaschen genossenen Weines hergaben. Der Abend schloss, wie er in Ratzeburg schließen muss: Ein Treffen am Rauschwerk der Orgel besiegelte den Tag, und ich sagte zu Willnauer: „Ist es nicht erstaunlich, wie fehlerfrei ich noch spielen kann, wenn ich betrunken bin?“ Darauf seine unvergessliche Replique: „Und ist es nicht erstaunlich, wie fehlerlos ich im betrunkenen Zustand noch zuhören kann?“ Das war er: Franz Willnauer. Schade, dass er ging, schade für ganz Schleswig-Holstein! Leider setzt der heutige Intendant Beck – möglicherweise absichtlich? – unakzeptable Prämissen, die eine Mitwirkung des Ratzeburger Doms aus unserer Sicht absolut ausschließen. Die herrliche Willnauer-Ära ist für Schleswig-Holstein sowieso nicht zu wiederholen.

Für uns als Veranstalter der Dommusiken war das alles zu Zeiten, als sowohl die Stadt Ratzeburg, aber auch alle betroffenen Domgremien samt dem engagierten und musikbegeisterten Domprobsten Uwe Steffen sich aktiv und konstruktiv bei der Durchführung der Sommerakademien und der Dommusiken unterstützend engagierten und sie zu ihrer eigenen Sache machten, ebenso wie für die Pflege der vielfältigen und möglichst hochqualitativen Dommusiken im Laufe des ganzen Jahres mit internationalen großen Ensembles. Tempi Passati! Von einer beschämenden Kleingläubigkeit, einem künstlerischem Desinteresse und einer tödlichen Pfennigfuchserei ist heute die „Mitwirkung“ dieser genannten Gremien bestimmt. Als Domkirchenmusiker ist man heute weitgehend zum Einzelkämpfer geworden, der mindestens ebenso viel Zeit verwenden muss, von außen die notwendige Unterstützung einzuwerben, als nach innen in den eigenen Reihen zu kämpfen und zu überzeugen zu versuchen. Überzeugen tut allerdings letztendlich nur hervorragende künstlerische Arbeit. Und die wird geleistet, mit Herzen, Mund und Händen!

zur Chronik Teil 4

 

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