Dienstag, 27. Juni 2017

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Chronik - Teil 4 PDF Drucken E-Mail

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von vielen Konzertreisen müde heimkehrend, konnte man sich im Garten des Domorganistenhauses, welches in den zurückliegenden Jahrhunderten jeder Domorganist in Anerkennung seiner oft sehr langjährigen Dienste und Verdienste erst dann zu verlassen brauchte, wenn er mit den Füßen zuerst herausgetragen wurde – auch das ändern die heute im Amt befindlichen Domgremien ohne jegliche Würde und ohne eine Spur von Dankbarkeit –, konnte man sich also gut erholen, in lebendiger Gesellschaft der eigenen Familie, aber auch in turbulenter Gesellschaft mit lammfrommen Schafen, Wildgänsen, Esel, Ponys und Wildenten, Pfautauben und anderem Getier. Einmal sind uns Esel und Ponys durch die offenen Portale in den Dom entwischt, wo die erschrockenen Besucher ein eiliges „Gottseibeiuns“ in den Himmel jagten, als die Tiere unvermutet an ihnen zwischen den Säulen vorbeifegten und, verfolgt von uns, durch die Kreuzgangtür wieder ins Freie und in den Klostergarten flüchteten. Manchmal wurden Chor- und Auf Konzertreise in Nordwest-RusslandOrchesterproben, Gottesdienste und sogar manchmal Konzerte vom Feueralarm jäh unterbrochen, wenn es für den Domkirchenmusiker, der gleichzeitig Feuerwehrmann an erster Stelle war, hieß: Menschen ist in Not zu helfen! Da gab es nie ein langes Überlegen.. Domprobst Uwe Steffen könnte davon sicherlich mehrere Lieder singen in Paul-Gerhardt-verdächtiger Länge und in farbiger Mehrstrophigkeit!

Viele Orgelkonzertreisen und Gastdirigate in alle Welt füllten die übrige Zeit reichlich. Von Omsk, Alma Ata und Moskau bis London, Oxford und Edinburgh, von Trondheim und Oslo bis Mailand und Venedig, von Paris bis Prag, von Warschau bis Madrid, von Hongkong bis Calgary und Montreal, von New York bis Singapur, Monrovia bis Buenos Aires und Santiago de Chile, von Königsberg über St. Petersburg bis Helsinki und Rovaniemi, und auf der anderen Seite wieder runter bis nach Santiago de Compostela, Porto und Lissabon, um nur einige wenige Beispiel zu nennen, wurde von mir der Dirigentenstab geschwungen, die Orgelpedale bedient und die Orgelpfeifen hübsch dosiert mit Luft versorgt. Des Öfteren waren auch angetragene Gastdozenturen und Gastprofessuren Anlass zu solchen Reisen. Und dabei wurden immer wieder befruchtende künstlerisch sich auswirkende Verbindungen zum Ratzeburger Musikzentrum am Dom hergestellt. Es hat – man soll es nicht glauben – Zeiten gegeben, in denen sogar die Mitglieder des Domkirchgemeinderates immer wieder gerne ausländische Künstler aus Argentinien, Polen, Russland usw. als Gast aufnahmen und versorgten und damit solche teuren Einladungen von Musikern aus anderen Kulturkreisen finanziell ermöglichen halfen, oder sie sogar privates Geld spendeten.

Viele neue eigene Kompositionen von mir wurden aufgeführt in den 38 Jahren, und mehr und mehr auch gedruckt und herausgegeben. Der Hänssler-Verlag in Stuttgart war das zunächst, dann aber vor allem – bis heute hin – nimmt sich der renommierte Merseburger-Verlag in Kassel mit der außergewöhnlichen und risikofreudigen und künstlerisch wie menschlich hochsensiblen Verlagschefin und zur Freundin gewordenen Birgit Matthei in vorbildlicher Weise der Drucklegung Domorganist als Feuerwehrchefvieler meiner Werke an, und mit Freude erlebe ich die Verbreitung meiner „musikalischen Kinder“ in immer mehr Orten und Ländern nicht nur innerhalb Deutschlands. Sehr erstaunte zuerst und freute mich sodann ein Ausspruch meines Notensetzers Johannes Schlesinger in Hamburg, welcher auch engagiertes Mitglied und Orchesterdirektor des Deutschen Bachorchesters ist, der zu einem älteren Stück  in einem Sammelband mit Chorwerken aus über dreißig Jahren, dem sogenannten „Ratzeburger Chorbuch“ opus 70, bemerkte: „Das, was Du da in Wöhrden im Jahr 1960 ohne jedes Studium geschrieben hast, klingt ja schon genau so wie das heute Komponierte! Wieso hast Du eigentlich studiert?“ Er schlug mit diesem eher unbewussten, ironisch gemeinten Ausspruch unmerklich einen großen, verbindenden Bogen über 50 Jahre Komponisten – und Musikerdasein.

Dem Komponieren widme ich in Zukunft wohl mein Hauptaugenmerk, wenn ich hier einmal das beglückende Familiäre vor allem mit meiner warmherzigen, hochmusikalischen Frau Katrin und dann ebenfalls mit all meinen begabten Kindern Agnes, Cora, Jirka und Vincent ausklammern darf, und mich nur auf das Musikalische beschränke: Es warten viele halbfertige Manuskripte in der Schublade ebenso auf ihre Vollendung wie neue große Werke, zum Beispiel die „Kosmische Parabel“, die schon jetzt dem großherzigen Förderer und Freund Winfried Stöcker  gewidmet ist. Doch stehen daneben bereits jetzt wieder wie in alten Zeiten reichlich Einladungen als Gastdirigent an internationale Opernhäuser und an die Pulte bedeutender Symphonieorchester wie auch als Orgelvirtuose zu bekannten Orgelfestivals ins Haus. Wer auch nach so einem musikalisch anspruchsvollen Leben in Ratzeburg, in dem man mit vollen Händen und freigiebigst ohne jede Zurückhaltung an alle Hörer von nah und fern das Füllhorn bemüht vollendet dargebotener Musik ausgeschüttet hat, selbstzufrieden ausschließlich nach hinten schaut, sieht nur seinen Schatten. Nach vorwärts blicke ich – in die helle Sonne einer hoffnungsreichen Zukunft, zusammen mit meiner so künstlerisch begabten und menschlich tief verständnisvollen Frau Katrin. Es bleibt mir noch so viel zu tun, und – das ist das Wichtigste – ich tue es bis heute gerne und kompromisslos leidenschaftlich: Musik machen! Gerne hätte ich sie weiter auch hier an „meinem“ Dom gemacht, mit meinen mir ans Herz gewachsenen fabelhaften Ensembles, insbesondere dem unvergleichlichen Domchor, dem auch das „Ratzeburger Chorbuch“ opus 70 und das Oratorium „Christus natus est hodie“ opus 24 als Dank und Vermächtnis gewidmet ist, und weiter an „meinen“ von mir gebauten Orgeln zu spielen, Orgeln, von denen ich jede einzelne Pfeife kenne. –

Mit dem hochmusikalischen Zwerghahn "Oschi", der inzwischen leider einen mörderischen Marderbesuch nicht überlebte

Doch man leidet mich von den sogenannten „Kirchenoberen“ nicht länger! Uwe Steffen, dieser unvergessliche großartige Ratzeburger Domprobst und deutschlandweit bekannte Theologe, sprach in Trauungen oft zum Brautpaar: „Man muss sich leiden können! – leiden auch im Sinne von er-leiden, damit alles gute Frucht bringe! Das nennt man dann auch Liebe.“ – Diese Liebe ist mir am Dom in meinem Beruf seit Jahren nicht mehr vom Domkirchgemeinderat samt Domprobsten vergönnt gewesen. Man kann mich nicht länger leiden! –

Ist nicht ein bezeichnender Hinweis auf diese negative  Einstellung des Domkirchengemeinderats unschwer erkennbar auch für jeden Außenstehenden, dass nämlich im Wissen, dass seit 38 Jahren ein repräsentatives Programmbuch verlegt wird, und dieses in diesem Jahr zum letzten Mal sein wird unter meiner Federführung, niemand zwei Seiten oder wenigstens eine Seite oder eine halbe vielleicht, aber doch zumindest eine Zeile, nein, nur den Platz, den das Wort DANKE benötigt, vorbestellt hat, um einen für alle Hörer der Ratzeburger großen Musikgemeinde erkennbaren schriftlichen Dank abzustatten?

Nun, mich wundert es nicht! (Wie gesagt: Ich kenne doch alle Pfeifen. Und außerdem: Wieso Dank abstatten? Der Mann ist doch für seine in der Dienstanweisung festgelegte absolvierte Pflicht nach BAT bezahlt worden!) Zum Vergleich: Nach 25-jähriger Dienstzeit am Dom bestellte der damalige Domprobst Uwe Steffen beim Drucker 20 – 30 von ihm dann sogar auch vom Kirchgemeinderat privat bezahlte Seiten für das in Arbeit befindliche Programmheft vor, die dann in seinem Auftrag und unter seiner Obhut heimlich ausgefüllt wurden mit Dankesbeiträgen, die ich dann erst nach dem Druck zu sehen bekam. Ich habe mich damals doch sehr gefreut! Das nenne ich Anstand. Das nenne ich Dankbarkeit. Das hatte Niveau! Da wurde die außergewöhnliche musikalische Arbeit am Ratzeburger Dom nicht für selbstverständlich genommen, sondern als das eingeordnet, was es eigentlich ist und bis heute war: Ein kleines unverdientes Wunder und Geschenk!

Epilog:

„Door is keen Musik nich! Door is keen Musik nich! Uns’ Orgelspeeler is eenfach wegbleeven! Du schallst forts röverkaamen!“

 Nein, es war kein Aprilscherz, wie man mutmaßen könnte, als am Ostersonntag, den 1. April 2009, kaum, dass die den Gottesdienst einläutenden Osterglocken verstummt waren, urplötzlich der Küster unseres Ratzeburger Doms Björn Sacker atemlos in das Kantorat Domhof 14 gestürzt kam. Es war zudem am Tag meines heute feierlichst zu begehenden 40. Dienstjubiläums als Domkirchenmusiker in Ratzeburg.

Nein, es war kein Aprilscherz, sondern ein unruhiger, aber schöner Traum gewesen, der wie eine wunderbare schillernde Seifenblase jäh zerplatzte, ein Traum, aus dem ich jetzt schweißgebadet, verwirrt und atemlos aufwachte. Ich machte das Licht an und sah auf die Uhr. Sie stand still!

Es war auf dem ganzem Domhof fünf Minuten nach zwölf!

 

Top!
Levitra