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Orgelfest in der Liebfrauenkirche - Nicht zuviel versprochen Der Harzkreis Wochenblatt (Blankenburg), 22.11.2008 Dr. Ch. Echowinkel Das mehrfach in Superlativen angekündigte Orgelkonzert von KMD Prof. Dr. Neithard Bethke aus Zittau, ehemals fast 40 Jahre Domorganist in Ratzeburg, am letzten Sonntag in der Lieb-frauenkirche in Halberstadt hielt, was die zunächst doch großmundig eingeschätzten Ankündigungen der Veranstalter versprochen haben. Nein, es war weit mehr. Wenn in der Vergangenheit man nicht selten bei dem Auftreten des als „Ratzeburger Orgellöwen“ apostrophierten Neithard Bethkes in den Rezensionen selbst großer Tageszeitungen sowie in der einschlägigen Fachpresse im Grundtenor lesen konnte: „Bethke - der letzte lebende Vulkan Norddeutschlands“, so war das eher zutreffend auch für dieses Konzert, welches mit impulsiver Musikalität, überschäumender Virtuosität, geschickter Registrierung und dennoch mit gezügeltem, kontrollierenden Geist eine beispielhafte Visitenkarte dafür abgab, wie heute Kirchenmusik oder Musik in der Kirche auch sein kann: Nicht langweilig, nicht nur Bach zum hundertsten Male, nicht nur Flöten und Prinzipale in Abwechslung, sondern jeden Augenblick alles unerwartet neu, und das sowohl in den einzelnen Programmpunkten, der Registrierung – die fernab jeder Norm zu laufen schien - als auch der sonstigen interpretatorischen Wiedergabe. Es war eine virtuose Zeitreise durch die Orgelmusik von Bachs Toccata (diese schon „ungehört“ erweitert durch ein originales, aber unbekanntes Andante aus gleicher Schaffensperiode) bis zu Bethkes jüngste Komposition für eben dieses Konzert „as fast as possible“ in 6,39 Sekunden (diese als schelmischer Streich im Gegensatz zu John Cages Halberstädter Touristen-Magnet 639 – Stunden – Stück „As slow as possible“ in relativierenden Kontrapunkt gesetzt). Was auf dieser, kleinen, unzureichend für diesen wunderbaren Kirchenraum etikettierten Orgel den komplett den Kirchenraum füllenden Zuhörern bot, war Orgelmusik vom Feinsten. Bethke hinterließ nicht nur einen tiefen Einblick in sein Können, sondern er initiierte durch sein Spiel geradezu frenetisches Klatschen nach dem Konzert, was ihn zu einigen kessen Zugaben herausforderte. Eine besondere Freude für die Zuhörer war ein „Concert-Rag for Organ“, der sich als Potpourrie von Beethoven entpuppte bestehend aus Mondscheinsonate, Für Elise, die Fünfte, Pathétique u. a. .. Es gab den Hochzeitsmarsch von Mendelssohn („diesmal ungekürzt“, wie Bethke zuvor humorvoll erläuterte, „damit sich der Bräutigam beim Einzug noch einmal genau überlegen kann, ob er wirklich in den Ehestand treten möchte!“), es gab die Ouvertüre zum Lohengrin von Wagner, ebenso wirkungsvoll auf der Orgel dargestellt wie das mehr rhythmisch akzentuierte Prelude zur Oper „Carmen“ von Bizet und man hörte Grieg „Aases Tod“ aus „Peer Gynt“, zu dem Bethke eine zu Lachsalven hinreißende Erläuterung aus eigenem Konzert-erleben zum Besten gab. (Beerdigung in Hamburg: „Das Aas ist dood!“). Wirkungsvoll brachte aber Bethke auch sein Erstlingswerk, die Sonate F-Dur für Orgel, im Jahr 1962 geschrieben, den aufmerksamen Hörern nahe. Der Rezensent meinte, manchmal adventliche Choräle in den aparten, durchsichtigen Klanggebilden entdeckt zu haben, was ihm die Frage aufwirft: Ist das etwa eine Choralsonate über bekannte Adventschoräle? Bethke brachte die Schusterorgel von 1956, die komplettiert wurde, schnell an die Grenzen des Machbaren. Der Zuhörer wurde jedoch von der hervorragenden Raumakustik der Liebfrauenkirche entschädigt. Diese Kirche wurde vor 1000 Jahren einzig für den Gesang konzipiert und gebaut und ist mit dem Nachhall von 2,5 Sekunden auch für die Orgel außerordentlich prädestiniert. Der Kirchenraum hat kaum Interferenzen und hätte eigentlich ein besseres Instrument verdient. Während das gesprochene Wort ohne technische Hilfe kaum das Ohr des Zuhörers erreicht, geht Orgel, wie hier so unmittelbar im Kirchenraum gestaltet, und dann noch wie „vom Leibhaftigen“ gespielt, der sich voll und ganz und versunken allein dem Musizieren hingab, so „herznah“,da konnte man kann sich einer Gänsehaut kaum erwehren. Neithard Bethke war von dem anspruchsvollen und sehr verständigen Publikum, das zum Teil bis von Hannover angereist war, so begeistert, dass er versprach wiederzukommen. Der Pfarrer der Liebfrauenkirche, Friedrich Wegner, packte das Angebot beim Schopfe und lud Bethke für das nächste Jahr ein, wenn es in der Kirche wieder ein bisschen wärmer ist.
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